“Wunder passieren!” – Bayreutherin gründet Modelagentur für Obdachlose in London

Die Bayreuther Fotografin Tatjana Hoffmann hat eine Modelagentur für Obdachlose in London gegründet. Damit möchte sie die Menschen von der Straße holen.
Lazy Owl ImageModel Mario Hristov ist Obdachloser in London. Über die von Tatjana Hoffmann gegründete Agentur “TIH” werden ihm Aufträge vermittelt, die ihn von der Straße holen sollen. Foto: Tatjana Hoffmann
Fotografin Tatjana Hoffmann. Foto: Dominic Steinke
Ein kenianisches Kind mit seinem aus Müll selbstgebastelten Spielzeugauto. Das Bild stammt aus Tatjana Hoffmanns erster Foto-Serie “Caramel & Silver”.

Bayreuth – Von Dominic Steinke

China, Russland, Ukraine, England, Kenia. Die Fotografie hat Tatjana Hoffmann schon in viele Länder geführt. “Für Außenstehende hört sich das spektakulärer an, als es ist”, meint sie. Ihre Geschichten erzählt die 23 Jahre alte Bayreutherin unbeschwert. Obwohl sie auf ihren Reisen manchmal Nächte in Großstädten ohne Geld und Schlafplatz erlebte. “Oft bin ich an meine Grenzen gestoßen, aber es passieren so viele Wunder!”, sagt sie mit überzeugtem Lächeln.

Seit Sommer vergangenen Jahres lebt sie in London, wo sie als Kindermädchen in Teilzeit arbeitet. Die meiste Zeit verbringt die gelernte Fotografin aber mit ihrem Herzensprojekt: Mit “TIH-Models” hat sie eine Modelagentur gegründet, die Obdachlosen in London Jobs vermittelt und bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft hilft. “TIH” steht dabei sowohl für “This is Hope” (“Das ist Hoffnung”) als auch für die Initialen der Fotografin.

“Würdevolles Handwerk mit Liebe”

Die Gründung von TIH liegt in Hoffmanns Geschichte. Nach dem Fachabitur in Bayreuth entschied sie sich für einen Besuch der Jüngerschaftsschule der christlichen Organisation “Jugend mit einer Mission” in Herrnhut (Landkreis Görlitz, Sachsen). Dort lernte die bekennende Christin das Fotografie-Handwerk, dass sie fortan in den Dienst ihres Glaubens stellte. Unter ihrem Mentor, dem Fotografen Jan Schlegel, spezialisierte sie sich auf Porträtfotografie.

“Mit dem Porträt kann man die Geschichte jedes einzelnen Menschen erzählen. Es ist mehr als nur ein Bild, es bringt Wertschätzung”, erklärt sie ihre Faszination. Der soziale Aspekt stehe dabei immer im Mittelpunkt ihrer Arbeit. Die Bilder sollen auf gesellschaftliche Missstände aufmerksam machen und somit den porträtierten Menschen helfen. So wirkte sie etwa bei der Hilfsorganisation “pick a pocket” mit, bei der künstlerische Projekte und damit verbundene Spendenaktionen Menschen in extremer Armut helfen sollen.

Eine Besonderheit von Tatjana Hoffmanns Arbeit liegt darin, dass sie im digitalen Zeitalter ausschließlich mit analogen Kameras arbeitet. Während ihrer Ausbildung lernte sie das Arbeiten in Dunkelkammern und damit das eigenhändige Entwickeln von Filmen bis zum Großformat. Die Analogfotografie übe einen besonderen Reiz aus: “Es ist ein langer Prozess von der Aufnahme bis zum fertigen Foto und meiner Meinung nach würdevoller für den Menschen. Ein langsames Handwerk, das mit viel Liebe und Hingabe ausgeübt werden muss”, sagt sie.

Erstes Projekt in Kenia

Hoffmann begleitete ihren Mentor Schlegel zweimal nach Kenia, wo sie ihr erstes Foto-Projekt realisierte. In der nördlichen Wüste, zwei Tagesreisen von der Hauptstadt Nairobi entfernt, besuchten sie traditionelle Stämme ohne Zugang zur westlichen Welt. Besonders fasziniert zeigte sich die Fotografin von der Kreativität der dort lebenden Kinder. “Die haben aus Müll ihre eigenen Spielsachen gebastelt. Dabei nutzen sie wie kleine Ingenieure den herumliegenden Schrott wie Tetra Paks, Drähte und Batterien”, erzählt die 23-Jährige. Inspiriert von ihren Beobachtungen porträtierte sie die Kinder samt ihren selbstgebastelten Werken. Daraus ist im Jahr 2015 Hoffmanns erste Foto-Serie mit dem Titel “Caramel & Silver” entstanden. Die Bilder stellte sie in der Galerie “Eisdiele” in Nürnberg aus. Ziel war es, Spenden für die Kinder zu sammeln, um ihnen zu ermöglichen, eine Schule zu besuchen.

Mit den Bildern gewann sie außerdem den “Lensculture Emerging Talent Award 2016” – einen Wettbewerb der renommierten Fotografie-Plattform “Lensculture”, bei dem Fotografen aus über 120 Ländern teilnehmen.

“TIH-Models London”

Ohne konkretes Ziel zog es Hoffmann im letzten Jahr von Nürnberg nach London. Bei ihren Lebensentscheidungen vertraue sie alleine ihrem Bauchgefühl: “Ich hatte zwar keinen Plan, aber ich wusste, dass ich dorthin muss”, sagt sie. Nach einigen Nächten “Couchsurfing” (dem Übernachten in fremden Wohnungen, vermittelt über eine Internet-Plattform) stand sie dann im Herbst auf der Straße – ohne Geld und Dach über dem Kopf. Doch ihr Glaube an Wunder bestätigte sich noch am selben Abend: Am Bahnhof wurde sie von einer Familie angesprochen, die sie seither aufgenommen hat und ihr einen Platz zum Schlafen bietet.

Bereits in den ersten Tagen in London fielen Tatjana Hoffmann die vielen Obdachlosen auf: “Ich war überrascht, wie viele junge Menschen darunter waren. Mein erster Gedanke: Wie könnte man ihnen helfen?”, schildert sie ihre Eindrücke.

Schon vor ihrem London-Auftenthalt ist Hoffmann im Internet auf Videos von Joshua Coombes gestoßen; einem Londoner Friseur, der Obdachlosen auf der Straße die Haare schneidet und die Bilder anschließend auf seinem Instagram-Profil präsentiert. Auch hatte sie bereits unter der Leitung von Jan Schlegel erste Erfahrungen mit Modelshootings in der Ukraine und England gesammelt. Es waren also mehrere Rädchen, die zur richtigen Zeit ineinandergriffen und dazu führten, dass “TIH-Models” gegründet wurde.

Der Name der Agentur ist doppeldeutig zu verstehen: Einerseits steht das “TIH” für die Initialen der Fotografin, andererseits ist es als Abkürzung für “This Is Hope” zu lesen, dem Motto des Projektes. Das Konzept besteht darin, Obdachlose von der Straße zu holen und als Models in Szene zu setzen. Dabei arbeitet Hoffmann mit Modeläden, Marken und Stylisten zusammen, die ihre Waren und Dienste zur Verfügung stellen. “Wir wollen mit dem Projekt bewirken, dass die Gesellschaft sie als wertvolle Menschen wahrnimmt. Die Modeljobs sollen ihnen bei der Resozialisierung helfen”, erklärt Hoffmann. Im Moment sind es drei Models, die bei “TIH-Models” untergebracht sind, die ersten Shootings haben bereits stattgefunden.

Unterstützung erhält die Fotografin von “The Prince’s Trust” , einem von Prince Charles ins Leben gerufenen Unternehmen, das jungen Menschen mit einer Geschäftsidee durch Seminare, Workshops und Mentorenprogramme fördert. Dennoch ist Tatjana Hoffmann für ihr Projekt weiterhin auf Spenden angewiesen.

Wer mehr über das Projekt erfahren oder auf dem Laufenden gehalten werden möchte, kann sich über contact@tihmodels.com für den Newsletter anmelden oder weitere Infos einholen.
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